Canva ist für viele der erste Kontakt mit Bild-KI: Magic Media im Editor-Seitenpanel, Dream Lab auf der Startseite, dazu KI-Funktionen quer durch Vorlagen und Magic Studio. Deshalb lohnt der Blick auf die aktuellen AI Product Terms und ihre Archivfassungen — und getrennt davon auf die Produkt- und Exportdokumentation.
Der Satz, der verschwunden ist
Die Vorgängerfassung der AI Product Terms (Stand 28.11.2025) formulierte eine klare Erwartung an Nutzer:
„When using Output in your Canva designs, we ask that you let viewers of your designs know that the content is AI-generated.“
Dazu kam ein vollständiger Abschnitt „Sharing & publication policy“ mit der Anweisung, KI-Inhalte so zu kennzeichnen, dass niemand sie übersehen oder missverstehen kann. Beides ist ersatzlos gestrichen. Die Fassung vom 16.03.2026 enthält es nicht mehr, die heute gültige (seit 26.06.2026) ebenso wenig. Übrig geblieben ist ein Verbotskatalog:
„it is prohibited to use AI Products to: – Mislead anyone that the content generated by AI Products is human-generated; – Remove, alter, or disable any provenance or metadata tags from any AI-generated content, including but not limited to C2PA metadata; …“
Das ist keine ausdrückliche pauschale Kennzeichnungsklausel. Eine konkrete Präsentation kann aber weiterhin gegen das Täuschungsverbot verstoßen, wenn sie KI-Ausgabe als menschengemacht erscheinen lässt. Beide Fassungen sind über Canvas Policy-Archiv öffentlich abrufbar; der Wortlautwechsel lässt sich dort nachlesen.
Aus dem Wortlautwechsel lässt sich kein Motiv und keine technische Produktstrategie ableiten. Fest steht nur: Die frühere Bitte fehlt; zugleich erwähnt die aktuelle Fassung Provenienz-Metadaten, ohne deren konkrete Umsetzung in Canva-Exporten zu beschreiben.
Markiert Canva überhaupt? Die Beleglage ist dünn
Die C2PA-Klausel verbietet das Entfernen vorhandener Provenienz-Tags. Sie sagt nicht, welche Canva-Funktionen, Felder, Formate oder Exporte solche Tags tatsächlich verwenden. Zwei externe Statuspunkte sind live nachvollziehbar:
| Prüfstein | Befund |
|---|---|
| C2PA Conforming Products List | am 07.08.2026 kein Canva-Produkt gelistet |
| EU Code of Practice on Transparency of AI-generated Content | kein Signatar — anders als Google, OpenAI, Microsoft, Meta oder Black Forest Labs |
Der Code of Practice verlangt mindestens eine wirksame maschinenlesbare Technik und einen Mehrschichtansatz, solange eine einzelne Technik die vier Anforderungen nicht allein erfüllt; er kennt Ausnahmen und alternative Nachweise CoP Measure 1.1. Canva hat den freiwilligen Kodex nicht unterzeichnet. Das ist kein Rechtsverstoß, und eine fehlende Konformitätslistung beweist weder fehlende Technik noch fehlende Rechtskonformität LL Rn. 148.
Canvas Hilfeartikel zu den Download-Formaten beschreibt Qualitäts-, Größen- und Formatoptionen, aber nicht, ob EXIF, XMP oder Content Credentials erhalten oder neu geschrieben werden. Eine dokumentierte Export-Option „Content Credentials einbetten“ findet sich dort nicht. Das ist eine relevante Nachweislücke; aus dem Schweigen folgt jedoch keine technische Negativtatsache.
Dream Lab oder Magic Media? Der Unterschied entscheidet
Canva betreibt mehrere KI-Bildfunktionen. Die aktuell erreichbaren Hilfeseiten liefern dazu keine belastbare, exportbezogene Kennzeichnungszusage:
| Dream Lab | Magic Media | |
|---|---|---|
| Wo | auf der Startseite, ausdrücklich nicht im Editor | im Seitenpanel des Editors |
| Weg zum Bild | Download nah an der Modellausgabe | Bild geht ins Design, Download läuft zwingend durch den Design-Renderer |
| Sichtbares KI-Label | aktuell nicht dokumentiert; ein früher zitierter Satz ist nicht mehr auffindbar | aktuell nicht dokumentiert |
Damit bleiben drei Fragen offen: Sitzt ein Signal in den Pixeln oder nur in Canvas Oberfläche? Überlebt es das Einfügen ins Design und den Export? Unterscheidet sich das nach Tarif oder Produktweg? Ohne aktuelle Zusage oder reproduzierbaren, datierten Exporttest sollte keines davon als Produkteigenschaft behauptet werden.
Was ein Design-Export mit der Spur machen kann
Ein Design-Export kann Komposition, Skalierung, Beschnitt und Kompression umfassen. Wird ein altes C2PA-Manifest unverändert mitgeschleppt, passt dessen Hard Binding nicht mehr zum neu gerenderten Asset. Ein C2PA-fähiger Editor könnte aber ein neues Manifest mit Aktionen und Ingredient-Historie signieren. Ob Canva das in einem konkreten Export tut, ist nicht dokumentiert; die fehlende Listung beweist keine technische Unfähigkeit. Was C2PA leistet, steht im Glossar-Eintrag zu C2PA.
C2PA 2.4 beschreibt Einbettungswege unter anderem für WebP, SVG und ZIP-basierte OOXML-Formate wie PPTX, DOCX und XLSX. Standard-Unterstützung heißt aber nicht, dass Canvas konkrete Exporter sie implementieren. Für CSV gelten andere Einschränkungen als für strukturierten Markdown-/YAML-Text. Entscheidend ist daher der jeweilige Canva-Export, nicht eine vermeintliche Unmöglichkeit des Formats.
Belastbar formuliert: Die verlinkte Canva-Dokumentation belegt für die genannten Exporte weder Erhalt noch Neusignierung von Content Credentials. Darauf solltest du dich ohne Prüfung einer konkreten Datei nicht verlassen.
Auch der Modellbezug ist produktspezifisch: Canva kündigte Dream Lab 2024 auf Basis von Leonardos Phoenix-Modell an; andere Funktionen können andere oder wechselnde Modelle verwenden. Aus dieser Modellbezeichnung lässt sich für einen aktuellen Canva-Export kein bestimmtes Provenienzsignal ableiten. Die jeweiligen eigenen Produktwege sind auf den Seiten zu Leonardo AI und ChatGPT-Bildern getrennt beschrieben.
Was das für deine KI-Kennzeichnungspflicht bedeutet
Die beiden Pflichten des AI Acts haben verschiedene Adressaten: Die maschinenlesbare Markierung schuldet der Anbieter Art. 50 Abs. 2; die für Menschen wahrnehmbare Offenlegung kann dich als Betreiber treffen, wenn du das KI-System beruflich unter eigener Autorität einsetzt Art. 50 Abs. 4. Bloßes Weiterveröffentlichen fremden Materials macht dich nicht automatisch zum Betreiber. Wo du Betreiber bist, ersetzt eine maschinenlesbare Markierung die sichtbare Offenlegung nicht LL Rn. 117.
Wichtig auch: Die Schonfrist bis zum 2. Dezember 2026 gilt ausschließlich für die Anbieterpflicht bei Bestandssystemen — deine Offenlegungspflicht gilt seit dem 2. August 2026 ohne Übergangsfrist (Details unter Fristen).
Vorlagen und Teamdesigns: das KI-Label gehört ins Design
Canvas eigentliche Stärke ist die Weiterverwendung — Vorlagen, Markenvorlagen, geteilte Teamordner. Organisatorisch sollte deshalb klar sein, welche Elemente KI-generiert sind und wer den Einsatz des Systems unter eigener Autorität verantwortet. Die Person, die auf „Teilen“ klickt, ist dadurch allein noch nicht automatisch Betreiber im Sinne der KI-Verordnung. Und weil die Dokumentation keine verlässliche Exportspur zusagt, kann die Information im Team sonst verloren gehen.
Zwei pragmatische Konsequenzen: Wenn eine sichtbare Offenlegung erforderlich ist, leg das Label als Element ins Design, damit es bei Wiederverwendung mitkommt. Vermerke außerdem in geteilten Ordnern, welche Elemente aus Magic Media oder Dream Lab stammen; das schafft eine interne Prüfspur, ersetzt aber keinen Rechtsnachweis. Wie ein sauberes Label aussieht und wo es hingehört, steht auf der Seite Wie kennzeichnen?.
Erst exportieren, dann labeln
Wenn eine sichtbare Offenlegung erforderlich ist, verlass dich nicht auf eine undokumentierte Exportspur: Zieh den fertigen Export in den Editor, platziere das EU-Label mit deutschem Zusatz und speichere in Eingabeauflösung bis zum Browserlimit. Läuft komplett in deinem Browser, ohne Upload.




