Die Grundfrage, ob du überhaupt offenlegen musst, klärt der Überblick zur KI-Kennzeichnung; hier geht es um das Wie bei bewegtem Bild. Videos werden angeschnitten, geclippt, im Feed automatisch gestartet, live gestreamt und von Werbeblöcken unterbrochen. Genau deshalb müssen Zeitpunkt, Zuordnung und Barrierefreiheit für den konkreten Ausspielweg geprüft werden.

Die Zeitachse: die eigentlich neue Regel der KI-Kennzeichnung

Der wichtigste Satz steht nicht im Code of Practice, sondern in den Leitlinien selbst LL Rn. 143: Betreiber dürfen früher informieren als beim ersten Kontakt — etwa am Anfang eines Videos. Ist aber vernünftigerweise absehbar, dass Personen den Inhalt nicht von Beginn an wahrnehmen, informiert eine Offenlegung nur am Anfang diese Personen nicht ausreichend und soll, wo möglich, um Hinweise zu späteren Zeitpunkten ergänzt werden.

Für Unterzeichner übersetzt der freiwillige Code of Practice das in eine konkrete Staffelung CoP 1.2.2 b: Label am Anfang, nach Möglichkeit in regelmäßigen Abständen und mindestens nach Unterbrechungen wie Werbepausen. Zusätzlich empfiehlt er eine durchgehende Anzeige oder eine Anzeige während des Deepfake-Abschnitts. Diese Intervalle sind Code-Zusagen, kein allgemeiner Gesetzeswortlaut.

SituationKontextabhängige UmsetzungFundstelle
Kurzes Video mit verlässlichem StartkontaktAnfangshinweis kann genügen, wenn Zuordnung und Zugänglichkeit gesichert sindLL Rn. 141–143
Feed-Video mit Autoplay oder Scroll-Einstiegspäteren zusätzlichen Hinweis vorsehenLL Rn. 143
Langform mit Werbeblöckenfür Kodex-Unterzeichner am Anfang und nach UnterbrechungenCoP 1.2.2 b
Livestreamfür Kodex-Unterzeichner wiederkehrendCoP 1.2.2 b
Nur ein Abschnitt ist Deepfakefür Kodex-Unterzeichner Anzeige während des Abschnitts als OptionCoP 1.2.2 b
Geschlossener KreisKontext, Zugang und ersten Kontakt konkret prüfenArt. 50 Abs. 5

Praktisch ist ein dezentes, dauerhaft eingeblendetes Label oft eine robuste Lösung. Ob es nach Zuschnitt, Re-Upload oder Plattformverarbeitung sichtbar bleibt, musst du für den konkreten Kanal testen.

Wann ein KI-Video überhaupt ein Deepfake ist

Die Pflicht aus Art. 50 Abs. 4 greift nur bei Deepfakes, nicht bei jedem KI-Video. Die Leitlinien liefern dafür einen ungewöhnlich brauchbaren Beispielkatalog:

Beispiel aus den LeitlinienDeepfake?
KI-Video einer Person, die einem Politiker ähnelt, bei einer Rede vor Publikum✓ ja
KI-Video mit realistischem synthetischem Avatar einer Firmen-CEO✓ ja
KI-Video mit KI-Darstellung einer Promi-Influencerin im Werbekontext✓ ja
KI-Video streitender Mäuse in menschlicher Sprache für eine Käse-Kampagne✗ nein
TV-Moderator vor KI-animierter Hintergrund-Darstellung des Gletscherrückgangs✗ nein
KI-generierte Fantasie-Umgebungen in Videospielen✗ nein
Echte Schauspieler vor KI-generiertem Hintergrund✗ nein

Der Maßstab dahinter LL Rn. 114: Spezialeffekte und technische Vor- und Nachbearbeitung im normalen Produktionsprozess machen einen Inhalt nicht unecht. KI bei wahrnehmungsprägenden Kernelementen dagegen schon — die Leitlinien nennen vollständig KI-generierte Darsteller, digitale Doubles realer oder verstorbener Schauspieler, De-Aging, simulierte Darbietungen und nicht-authentische Darstellungen in Dokumentationen. Hoher Fotorealismus macht ein Deepfake wahrscheinlicher, ist aber allein nicht ausschlaggebend. Mehr Grenzfälle im Schnell-Check zu den Ausnahmen.

Der Ton zählt mit — und rettet dich nicht

Die Leitlinien definieren Video als zeitbasierte Bildfolge, die mit Ton synchronisiert sein kann; in diesem Fall sind beide Bestandteile zu prüfen LL Rn. 60. Eine imitierte oder geklonte reale beziehungsweise plausibel existierende Stimme kann bei wahrnehmbarer Ähnlichkeit und falschem Authentizitätseindruck den Audio-Deepfake-Tatbestand erfüllen. Generische TTS unter echtem Bildmaterial genügt dagegen nicht automatisch.

Die Thumbnail-Lücke

YouTube lässt Creator im aktuellen „AI use“-Workflow veränderte oder synthetische Inhalte offenlegen. Seit dem Platzierungsupdate vom 27. Mai 2026 erhalten Shorts ein Overlay. Bei Long-form-Videos erscheint der Hinweis direkt unter dem Player und oberhalb der erweiterten Beschreibung; die Hilfe unterscheidet zusätzlich zwischen fotorealistischem und sonstigem Inhalt.

Thumbnail und Video sind getrennte Inhalte. Ein Thumbnail kann selbst ein Deepfake sein, wenn es die vollständige Definition erfüllt; Fotorealismus oder KI-Herkunft allein reichen nicht. Die freiwillige EU-Icon-Praxis zielt darauf, dass das Icon beim Teilen und Herunterladen sichtbar bleibt, ist aber keine allgemeine gesetzliche Thumbnail-Regel. Prüfe zusätzlich, welche Hinweise YouTube oder eine andere Zielplattform im konkreten Feed-, Such- und Share-Kontext tatsächlich zeigt.

Was die Generatoren mitliefern — und was nicht

Zwei Produktstände sind wichtig. Die Sora-Weboberfläche und -App endeten am 26. April 2026; die Sora API läuft laut OpenAI noch bis zum 24. September 2026. TikTok beschreibt automatische Labels auf Basis von Content Credentials. Ob eine konkrete Datei erkannt und wie das Label dargestellt wird, musst du prüfen; automatische Plattformhinweise ersetzen die eigene Art.-50-Prüfung nicht. Details stehen auf den Seiten zu YouTube und TikTok.

Film, Trailer, Satire: das abgeschwächte Regime

Für Deepfakes, die Teil erkennbar künstlerischer, kreativer, satirischer oder fiktionaler Werke sind, gilt eine abgeschwächte, keine aufgehobene Pflicht LL Rn. 119: Offengelegt werden muss weiterhin, aber in einer Form, die Darstellung und Genuss des Werks nicht beeinträchtigt. Die Leitlinien nennen etwa Filme und Trailer mit de-aged oder digital wiederbelebten Schauspielern. Der freiwillige Kodex erlaubt seinen Unterzeichnern hier als Umsetzungsoption, das Label außerhalb, aber angrenzend an den Videorahmen zu setzen; das ist keine allgemeine gesetzliche Exklusivregel.

Die Kategorie wird eng ausgelegt LL Rn. 122. Ausdrücklich nicht künstlerisch sind laut Beispielkatalog: ein Teleshopping-artiges Video mit simulierten Menschen, die ein Produkt bewerben, und ein Video mit realistischem synthetischem Influencer, der ein gesponsertes Produkt vorführt. Und wenn ein Deepfake informierende und kreative Züge mischt, setzt sich der informierende Charakter durch — dann gilt die volle Kennzeichnung.

Der Bußgeldrahmen für Art.-50-Verstöße liegt bei bis zu 15 Mio. €; bei Unternehmen kann die Obergrenze bis zu 3 % des Weltjahresumsatzes betragen Art. 99 Abs. 4, für KMU gilt der niedrigere Höchstwert. Die Einordnung steht auf der Seite zum Bußgeld.

Thumbnail und Startframe separat prüfen

Manche Feed- und Share-Kontexte zeigen Plattformhinweise anders oder gar nicht. Wenn du das KI-System als Betreiber unter eigener Verantwortung nutzt und Thumbnail oder Startframe den Deepfake-Tatbestand erfüllen, kannst du das optionale offizielle EU-Label oder einen klaren eigenen Hinweis im Editor platzieren. Prüfe die Position separat im Video sowie in jeder relevanten Zielplattform-Vorschau.

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